Portraits und Interviews

Claudia List hat im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg ein doppelseitiges Interview mit mir zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ veröffentlicht. Die sehr interessanten und die Romane und Hintergründe erforschenden Fragen hat sie am Telefon gestellt:

Interview mit Dr. Elfi Conrad

Viele Frauen haben über die Gewalt, die sie auf der Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, geschwiegen. Ihre Mutter hingegen hat davon erzählt, als Sie selbst noch sehr jung waren. Wie kam das?

Elfi Conrad: Meine Mutter hat sehr darunter gelitten, dass sie aus ihrer Heimat in Schlesien vertrieben wurde und nicht studieren konnte. Wir kamen in den Harz, doch dort fühlte sie sich gar nicht wohl und wurde krank. Sie blieb oft im Bett und ich habe viel im Haushalt gemacht. Mein Vater war meistens bis in die Nacht in seinem Betrieb, so war ich zeitweise ihr einziger Kontakt. Und da hat sie sich immer wieder die Fluchtgeschichte von der Seele geredet.

Sie waren drei Wochen alt, als Ihre Mutter mit Ihnen aus Schlesien floh und in einem Lager landete, das von Tschechen bewacht wurde. Was hat sie davon erzählt?

Elfi Conrad: Ihre Angst drehte sich damals hauptsächlich um mich, dass ich erfrieren oder verhungern könnte. Insofern ist mein Buch autobiografisch. Gleichzeitig gab es immer eine gewisse Leichtigkeit, mit der meine Mutter versuchte, alles zu überspielen: ihre Krankheit, ihre Schmerzen, ihre Angst vor Vergewaltigung. Ihre Cousine ist von russischen Männern vergewaltigt worden, sie hat anschließend versucht, sich und ihre Kinder umzubringen. Das hatte meine Mutter immer im Hinterkopf. Doch sie hat vieles überspielt, so kam es auch zum Titel „Als sei alles leicht“.

Im Buch erkennt die ehemalige Jungmädelführerin Ursula, dass sie auf einmal selbst zu den Ausgestoßenen gehört: „Das Wort Flüchtling hat einen bösen Klang. Es klingt nach Untermensch, Asozialer, Fremdrassiger.“ Empfand Ihre Mutter das so?

Elfi Conrad: Die Läuterung kam bei meiner Mutter erst viel später. Ich wollte aber keinen Roman über die Flucht schreiben, ohne über Schuld zu reden, über das Mitläufertum der Menschen, die die Verbrechen des Regimes nicht sehen wollten. Meine Mutter war sportlich und musikalisch. Sie konnte sich unter der BDM-Jugend wie die Jungen entfalten und so die traditionelle Frauenrolle überwinden. Dass die Frauen später für Hitler nur Gebärmaschinen werden sollten, ahnte sie nicht. Sie hat auch zunächst nicht wahr haben wollen, dass ihre Begeisterung für Adolf Hitler ein Irrtum war. Manches hat sie als Abenteuer geschildert, anderes verdrängt. So litt sie unter schlimmen Traumata, die sie aber bewusst nicht zugelassen hat. (oder: nicht in ihr Bewusstsein gelassen hat.)

… und die sich in der nächsten Generation fortsetzen, wie ihr Roman „Schneeflocken wie Feuer“ zeigt. Die Hauptperson Dora, ein Teenager in den 1960er-Jahren, steckt voller Wut. Spielt dabei auch die Gewalt eine Rolle, die Doras Mutter erfahren hat?

Elfi Conrad: Schon, es gibt ja transgenerationale Traumata, also die Weitergabe von traumatischen Erfahrungen über die Generationen hinweg. Aber Dora erlebt auch selbst Gewalt durch das Patriarchat. Damals gab es ja diese abartigen Gesetze, dass Frauen kein eigenes Konto haben durften, dass sie ihren Mann fragen mussten, ob sie berufstätig sein dürfen. Oder dass sie zum Geschlechtsverkehr verpflichtet waren und nicht mal Unwillen zeigen durften.

Dora leidet unter den Lehrern in der Schule. War das bei Ihnen auch so?

Elfi Conrad: Natürlich! Es war damals nicht normal, als Mädchen Abitur zu machen. Auch die Lehrer beteten vor, dass sich ihre Rolle um die drei K drehen sollte: Kinder, Küche, Kirche. Und wehe, man wollte etwas anderes. Da wurde mir oft über den Mund gefahren und unser Physiklehrer hat immer gesagt, wir Mädchen könnten ja immer noch Klofrauen werden.

Haben Ihre Eltern das auch so gesehen?

Elfi Conrad: Nein, da hatte ich Glück, meine Eltern hatten beide selbst Abitur. Wir Mädchen lebten allerdings in einem extremen Widerspruch: Es war die Zeit der Sex-Bomben, wie Brigitte Bardot und Marylin Monroe. Einerseits sollten wir kokett sein und die Männer reizen, bis sie auf 180 sind. Andererseits mussten wir Stopp sagen und bis zur Hochzeit unschuldig bleiben. Auf gewisse Weise fühlten wir uns gezwungen mitzuhalten – ein Widerspruch, der für mich auch eine Form von psychischer Gewalt ist. Aber erst meine Enkelin brachte mich darauf, darüber zu schreiben.

Wie kam das?

Elfi Conrad: Sie erzählte mir, dass viele Mädchen in ihrem Alter ständig vor ihrem Handy posen. Das erinnerte mich an meine Jugend: Auch bei uns ging es um die Wirkung auf andere Menschen, vor allem auf Männer. Und dann fing ich an, den Roman zu schreiben und dabei auf meine eigene Geschichte zurückzugreifen. Über 30 Jahre lang habe ich geschrieben, aber darauf war ich noch nicht gekommen.

Hat sich also aus Ihrer Sicht nicht viel verbessert für die Frauen?

Elfi Conrad: Hinsichtlich der Gesetze auf jeden Fall. Mit Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und der Emanzipationsbewegung hat sich auch in der Gesellschaft einiges bewegt, aber jetzt erleben wir leider einen Backlash.

Nach wie vor gibt es auch viel sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Kriegen und die Täter werden kaum zur Rechenschaft gezogen. Macht Sie das zornig?

Elfi Conrad: Mein Buch ist sehr aktuell, denn es gibt immer noch zahlreiche Kriege, in denen die Frauen im wörtlichen Sinne die Leid-Tragenden sind. Das macht mich wütend. Insgesamt haben Femizide zugenommen – auch wenn die Zeitungen oft von Beziehungstaten schreiben. Und Männer schließen sich zu Bünden zusammen und behaupten, durch die Emanzipation der Frauen werde ihnen die Männlichkeit genommen. So ein Unsinn! Ich bin überzeugt, dass die Emanzipation für sie eine Bereicherung ist und es ihnen guttut, wenn sie Gefühle zulassen können und mehr von ihren Kindern mitbekommen.

Warum hat es eigentlich bis fast zu Ihrem 80. Geburtstag gedauert, bis Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht haben?

Elfi Conrad: Ich hatte einige Chancen bei Agenturen und Verlagen, die aber aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Veröffentlichung geführt haben. Der Hauptgrund war, dass meine Romane zu emanzipatorisch waren. Dabei war ich mir immer sicher, dass ich sprachlich gut genug bin. Frauen werden im Literaturbetrieb oft diskriminiert, damit hat sich z.B. die Autorin Nicole Seifert beschäftigt. Deshalb habe ich die Bücher dann im Selbstverlag unter einem Pseudonym publiziert. U.a. wurde die Autorin Sarah Raich darauf aufmerksam und über deren Empfehlung kam ich zu Nikola Richter, die so mutig war, die beiden Romane einer Achtzigjährigen zu veröffentlichen. Bei ihr liegt auch schon mein nächstes Buch.

Das sich worum dreht?

Elfi Conrad: Es geht wieder um Dora. Die Geschichte beginnt mit ihrem Abitur, ihrem Studium in den 1960er-Jahren und reicht bis heute.

Eva Schindele, Sozialwissenschaftlerin und Journalistin, hat mich zu Hause besucht und unser einstündiges Gespräch als Podcast gesendet. Das Gespräch war spannend und tiefgreifend und durch Eva Schindele, die den Faden jeweils herrlich weitergesponnen hat, sehr erhellend.

„Wir waren eingezwängt zwischen Sexikonen und Bigotterie“, Zu Besuch bei der Schriftstellerin Elfi Conrad (28.07.25)

Elfi Conrad (*1944) hat mit fast 80 einen Bestseller gelandet. In ihrem Debütroman „Schneeflocken wie Feuer“ erzählt sie aus Sicht der älteren Frau die (autofiktionale) Geschichte der 17-jährigen Dora, die in der tristen Enge einer westdeutschen Kleinstadt ihre Körperlichkeit und Raffinesse ausprobiert. Sie will kein Opfer sein. Mit Schmollmund, Petticoat und Stöckelschuhen verführt sie einen Lehrer und rächt sich so an der männlich-autoritären Dominanz der Nachkriegsjahre. In ihrem 2025 veröffentlichten Buch „Als sei alles leicht“ schreibt Conrad über Vertreibung und Flucht und auch hier spielen Erotik, Zwang und Gewalt eine Rolle. Conrad hat Deutsch und Musik studiert, viele Jahre als Lehrerin und Dozentin gearbeitet und nach der Pensionierung angefangen, Romane zu schreiben. Im Podcast erzählt sie, wie sie auf Twitter entdeckt wurde, redet über ihre Freude am Schreiben, ihre Widerständigkeit und Disziplin und welche Herausforderungen junge Frauen durch die All Präsenz der sozialen Medien heute haben.

Etwas müde aussehend, als mir die Sonne in die Augen schien und mich Eva Schindele auf der Terrasse geknipst hat. Ich musste ja vorher das Haus auf Hochglanz bringen, obwohl die Journalistin darauf sicher nicht geachtet hat.

Ein fast einstündiger Talk mit Stefan Parrisius, der sehr viel Spaß gemacht hat, wenn auch viele Fragen unerwartet auf mich zugeschossen kamen:

Vorher im Studio Karlsruhe SWR, den Ton prüfend und auf den Talk wartend:

Anne-Dore Krohn empfiehlt in „Die Literaturagentinnen“ auf radio eins (ehemals rbb Kultur) die Romane Schneeflocken wie Feuer und Als sei alles leicht und führt ein Interview mit der Autorin, das wegen der tiefgreifenden und sensiblen Fragen viel Freude gemacht hat:

Schneeflocken wie Feuer“ – Das war ein absoluter Überraschungserfolg vor zwei Jahren, scheinbar aus dem Nichts kam diese Autorin Elfi Conrad, dieser Roman über das Aufwachsen einer jungen Frau in den prüden 1960er-Jahren der BRD, Dora heißt die Frau, um die es geht. Und Elfi Conrad war damit in Talk-Sendungen zu Gast, das Buch stand unter anderem auf der SWR-Bestenliste, und das mit Ende siebzig. … Jetzt erzählt sie sehr eindrücklich von der Flucht von vier schlesischen Frauen in den letzten Monaten des Krieges 1945. … Ein Buch, das auch ein Denkmal ist für die eigene Mutter, in dem Erfundenes mit wahrer Familiengeschichte vermischt wird.

Die Buchpremiere fand digital auf YouTube statt.
Mit der Verlegerin und Lektorin Nikola Richter wurde es ein sehr schönes und aufschlussreiches Gespräch über den Inhalt, die Hintergründe und das Lektorat dank ihrer klugen, tiefgehenden und inspirierenden Fragen. Zwischendurch habe ich ein wenig aus dem Buch gelesen. Auch die Zuhörer haben interessante Fragen gestellt.
Leider konnte Sarah Raich nicht teilnehmen, mit der ich mich über die Gemeinsamkeiten zwischen ihrem großen Roman „Hell und laut“, der von der ersten deutschen Dichterin Hrotsvit von Gandersheim handelt, die in ihren Büchern Gewalt gegen Frauen anprangerte, und meinem kurzen Roman unterhalten wollte.

Der Roman Als sei alles leicht erscheint am 23. Januar 2025 beim Verlag mikrotext.
Hier die wunderschöne Vorschau für das Frühjahr:
https://mikrotext.de/buchhandel-presse/

Mit Mirka Tiede vom SWR sprach ich im Botanischen Garten in Karlsruhe bei Kälte und Nässe. Das Interview sollte eigentlich drinnen in der Wärme bei den Orchideen geführt werden, aber es tropfte uns auf den Kopf.
Es waren spannende Fragen und eine herzliche Begegnung:

Elfi Conrad war ein leben lang Autorin und hat mit fast 80 Jahren einen Bestseller veröffentlicht. (Foto: SWR, Mirka Tiede)

Roman „Schneeflocken wie Feuer“

Autorin Elfi Conrad aus Karlsruhe erobert mit fast 80 Jahren die Bestsellerlisten

Stand 9.12.2023, 14:43 Uhr Mirka Tiede

Elfi Conrad aus Karlsruhe ist leidenschaftliche Autorin. Seit Jahrzehnten schreibt sie. Doch erst mit fast 80 Jahren schafft sie mit ihrem Roman „Schneeflocken wie Feuer“ den Durchbruch.

Mehrere Bücher und Jahre hat es gedauert, bis für Autorin Elfi Conrad aus Karlsruhe ein großer Wunsch in Erfüllung ging. Mit fast 80 Jahren hat sie nun den Durchbruch mit einem ihrer Romane geschafft. Wahrscheinlich auch dank der Social Media Plattform X (früher Twitter).

Ihr Roman spricht vor allem junge Menschen an

Obwohl ihr 80. Geburtstag vor der Tür steht, spricht sie mit ihrem Roman „Schneeflocken wie Feuer“ vor allem junge Menschen an. Neben ihrer bisherigen Tätigkeit als Lehrerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat sie unter anderem auch durch ihre Tochter und ihre Enkelin Kontakt mit der jüngeren Generation.
Aber auch die Sozialen Medien helfen ihr dabei. „Neuerdings bin ich viel auf Twitter unterwegs. Das ist so der Hauptkontakt zur Außenwelt, denn ich sitze meistens in meinem Kämmerlein und schreibe. Da kriegt man halt ganz viel mit.“

Elfi Conrad darüber, warum ihr Roman vor allem die Jugend anspricht:

Autorin auf Twitter entdeckt worden

Die Social Media Plattform X war auch der Grund, warum die langjährige Autorin doch noch entdeckt wurde. Nachdem sie viele Absagen von Verlegern erhalten hatte und ihre Romane auch im Internet selbst veröffentlichte, versuchte sie dort ihr Glück. Auf X lasen Autoren wie Martin Lechner oder Bodo Morshäuser, aber auch die Schriftstellerin Sarah Raich ihre Romane. Elfi Conrad veröffenlichte damals noch unter ihrem Pseudonym „Phil Mira“.

Da kommt ganz viel zusammen, auch Glück.

Elfi Conrad, Bestsellerautorin mit fast 80 Jahren

Sarah Raich war so begeistert von der Autorin, dass sie die Verlegerin Nikola Richter auf ihre Entdeckung aufmerksam machte. „Insofern war es auch Glück, dass Sarah gerade Zeit hatte, denn ich glaube, sonst wäre auch die Sache nicht in die Öffentlichkeit gekommen und noch in einer Schublade gelandet“, erzählt Conrad.
Elfi Conrad hat ihr das Manuskript von „Schneeflocken wie Feuer“ geschickt, was dann als Roman veröffentlicht wurde. Mit dem Buch machte Conrad sich einen Namen: Die Autorin landete unter anderem auf der SWR-Bestenliste und war NDR Buch des Monats.

Elfi Conrad: Stil findet erst jetzt Anklang

Ein weiterer Grund für den späten Erfolg ist in den Augen der Schriftstellerin ihr Stil, der erst jetzt Anklang findet. „Ich schreibe nach den Ausdruckscodes der Sprachen, also der Musik, der Malerei, des Films. Zum Beispiel ist mir ganz wichtig, dass Szenen vorkommen, die lebendig sind, also nicht nur erzählend gearbeitet wird.“

Die Schriftstellerin sieht aber auch die Tendenz, dass zunehmend der weibliche Horizont in den Fokus gerät. „Wir sind ja alle durch männliche Literatur sozialisiert worden“, sagt Elfi Conrad.

Bestenliste 30 Kritiker*innen 10 Bücher 1 Liste (Foto: SWR)

SWR Bestenliste September“Schneeflocken wie Feuer“ von Elfi Conrad auf Platz 1 der SWR Bestenliste

„Schneeflocken wie Feuer“ persönlichster Roman

In „Schneeflocken wie Feuer“ geht es um die fast 80-jährige Dora, die sich während eines Klassentreffens an ihr 17-jähriges Ich erinnert. Die Schülerin lebt zu diesem Zeitpunkt im Nachkriegsdeutschland. Als junge Frau kämpft sie mit dem Rollenbild, das die Gesellschaft ihr auferlegen möchte. „Da hat sich das förmlich aufgedrängt, dass ich da meine eigene Geschichte aufnehme“, sagt die Autorin.

Das Buch „Schneeflocken wie Feuer“ ist für Elfi Conrad bisher das Persönlichste. „Es ist so, dass ich meine Biografie immer als Steinbruch benutze“, erzählt Elfi Conrad im Gespräch mit dem SWR. „Aber die anderen Romane sind natürlich sehr viel mehr erfunden.“

Die Autorin Elfi Conrad aus Karlsruhe als junge Frau beim Tanzen.  (Foto: Elfi Conrad)
Elfi Conrad als junge Frau beim Tanzen.

Im Ruhestand mehr Zeit zum Schreiben

Inzwischen ist Conrad im Ruhestand und kann sich voll und ganz auf das Schreiben konzentrieren. Denn neben dem Unterrichten ist ihre Leidenschaft viel zu kurz gekommen, sagt sie. Bisher habe sie hauptsächlich in den Ferien an ihren Werken gearbeitet, meist dann, wenn sie Aufsätze fertig korrigiert hatte oder in der Nacht.

Wenn ich so richtig im Flow bin, schreibe ich Tag und Nacht, bis es fertig ist.

Elfi Conrad, fast 80-jährige Autorin

Daneben kamen noch der Haushalt und ihre Tochter dazu. „Dann wird man total herausgerissen. Und dann passiert es oft, dass man nicht mehr reinkommt und das Alte liegen lässt.“ Auch nach „Schneeflocken wie Feuer“ bleibt Elfi Conrad dem Schreiben weiter treu. Momentan arbeitet sie sogar noch an zwei weiteren Romanen. Ein Leben ohne das Schreiben kann sich Elfi Conrad nicht mehr vorstellen.

Für die Zeitung Badische Neueste Nachrichten veröffentlichte Sibylle Kranich ein sehr persönliches Portrait von mir. Wir trafen uns in einem Café in Karlsruhe und sprachen zwei Stunden lang angeregt miteinander, was viel Spaß machte.

Karlsruhe

„Schneeflocken wie Feuer“

Bestseller mit 80: Karlsruher Schriftstellerin Elfi Conrad muss lange auf Erfolg warten

Elfi Conrad ist die literarische Entdeckung des Sommers. Ihr Roman „Schneeflocken wie Feuer“ überzeugt die Kritiker und erobert die Buchcharts. Darauf musste die in Karlsruhe lebende Schriftstellerin fast ein Leben lang warten.

Elfi Conrad arbeitete als Lehrerin in Karlsruhe und lehrte an der Pädagogischen Hochschule. Die Rolle der Frau, ihre Emanzipation und das Thema Gleichberechtigung greift die überzeugte Feministin in ihrem Roman auf. Foto: Andrea Fabry

von Sibylle Kranich

17. Okt. 2023  |  20:30 Uhr 4 Minuten vor 1 Stunde

krass, was da gerade passiert.“ Wenn Elfi Conrad ein bauchfreies Top trüge, ein Smartphone in der Hand hielte und sich beim Reden durch Tiktok-Reels oder Insta-Stories wischte, wäre ihre Wortwahl nicht weiter bemerkenswert. Junge Menschen reden so.

Krass aber, dass Elfi Conrad gar kein junger Mensch ist. Nicht mehr. Im kommenden Jahr feiert die in Karlsruhe lebende Schriftstellerin ihren 80. Geburtstag. Mit 79 gilt sie gerade als eine der heißesten literarischen Neuentdeckungen dieses Bücherherbstes.

Schriftstellerin erregt mit „Schneeflocken wie Feuer“ viel Aufmerksamkeit

„Schneeflocken wie Feuer“ heißt das Buch, mit dem die Autorin pünktlich zur Buchmesse viel Aufmerksamkeit erhält und großen Erfolge feiert. Elfi Conrad beschreibt darin vor allem ihre eigene Lebensgeschichte.

Stellvertretend für eine Generation von Frauen, die in den streng patriarchalen Strukturen der staubgrauen Nachkriegs-BRD aufwuchs. Heute sind die Frauen alt. Damals waren sie Teenager, die sich Freiheit wünschen und sie selber finden mussten. „Eine ganz bigotte Zeit war das“, sagt Elfi Conrad. „Einerseits sollten wir aussehen wie Brigitte Bardot, andererseits war Sex vor der Ehe ein absolutes Tabu.“

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der inzwischen 80-jährigen Protagonistin Dora. Wie Elfi wird sie 1944 geboren und wächst in einem kleinen Dorf im Harz auf. Von dort geht sie zum Studium nach Hamburg und später in eine andere deutsche Stadt.

Mit ihrem ersten Mann kommt Elfi Conrad nach Karlsruhe

Elfi Conrad kam nach Karlsruhe. Hier hat sie inzwischen den Großteil ihres Lebens verbracht. Mehr als fünf von acht Jahrzehnten. Aber ohnehin ist die 80 eine Zahl, die so gar nichts mit der zierlichen Person zu tun hat, die an diesem Nachmittag das Café in der Karlsruher Innenstadt betritt.

Zum Gespräch kommt sie in engen Jeans, dunklen Pumps und einer lässigen Bluse im grünen Leoparden-Print. Mit der Ballonkappe auf dem rabenschwarzen Haar erinnert die Schriftstellerin an eine dieser alterslosen Französinnen, deren Figur heute noch dieselbe ist wie 1968 auf den Barrikaden von Paris.

Brust raus, Bauch rein – heute lächelt Elfi Conrad über die Art und Weise wie sie sich als junge Frau in Szene setzte. Foto: Privat

Statt ins Paris der Simone de Beauvoir verschlug es Elfi Conrad Anfang der 70er-Jahre aber ausgerechnet in die badische Provinz. Den Wohnort konnte sie sich nicht aussuchen. Ihre Tochter war gerade geboren, als ihr Mann hier eine Anstellung erhielt. „Damals musste man noch heiraten, wenn man schwanger war. Als Ehefrau ging ich natürlich auch mit.“

Jahrzehntelang arbeitete sie hier als Lehrerin, absolvierte ein weiteres Studium und promovierte an der Pädagogischen Hochschule (PH), an der sie später auch unterrichtete. Trotz Trennung blieb Elfi Conrad in Karlsruhe und heiratete ihren zweiten Mann. „Inzwischen habe ich der Stadt gegenüber Heimatgefühle entwickelt“, sagt sie in ihrem vornehmen Hamburger Akzent.

Auf Twitter wurden die Leser aufmerksam

Ihr Roman, der vor wenigen Monaten in dem kleinen und wenig bekannten Verlag mikrotext erschien, eroberte die großen Feuilletons in Windeseile. Der Norddeutsche Rundfunk wählte die Erzählung zum Buch des Monats, der SWR zog nach. Selbst TV-Kritiker Denis Scheck hob den Daumen und empfahl Conrads Buch in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ wärmstens. Es sei, so Scheck, „ein herausragender Roman über die Klassen- und Geschlechtergrenzen in der jungen Bundesrepublik“.

Das ist es auch, was Elfi Conrad so „krass“ findet. Die riesige Aufmerksamkeit, die ihrem Werk und ihrer Person jetzt plötzlich zuteil wird. „Schneeflocken wie Feuer“ ist nicht ihr erstes literarisches Werk. Es ist nur der erste Roman, der größere Verbreitung durch einen etablierten Verlag fand.

Ihre ersten drei Bücher gab sie unter dem Pseudonym Phil Mira im Eigenverlag heraus. Die Leserschaft blieb lange Zeit überschaubar. Auf Twitter (heute X) veröffentlichte die Autorin gelegentlich Auszüge daraus.

Ganz allmählich wurden andere auf sie aufmerksam und folgten ihr. Eine Followerin, selbst auch Schriftstellerin, war so angetan, dass sie ihrer Verlegerin die Texte ans Herz legte. So kam der Stein ins Rollen.

Fast alles habe ich ganz genau so erlebt.

Elfi Conrad
Schriftstellerin

Dass der Literaturbetrieb so funktioniert, hat die Autorin nicht weiter überrascht. Ob sich ein Buch durchsetzt oder nicht, sei eben keine Frage der Qualität. „Auch wenn das manche immer wieder behaupten.“ Viele Faktoren spielten eine Rolle. Gute Beziehungen, Glück „und immer noch das Geschlecht“, ist Elfi Conrad überzeugt.

Ein Schlüssel zum Verständnis der Mütter

Auch mit ihren bald 80 Jahren wird Elfi Conrad nicht müde, die immer noch bestehenden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen anzuprangern. Ihre Jugend in den 60ern und die unendlich vielen empfunden und im Alltag erlebten Ungerechtigkeiten haben ihrer feministischen Einstellung den Weg bereitet. Doras Geschichte erklärt, wie es dazu kam. Für die Töchter und Enkelinnen dieser Frauen ist der Roman ein Schlüssel zum Verständnis ihrer Mütter und Großmütter.

„Fast alles habe ich ganz genau so erlebt“, sagt Elfi Conrad. Deutschlehrer, die junge Frauen schlechter benoten, weil sie die Haare offen tragen und davon sprechen, einen erfüllenden Beruf ergreifen zu wollen. Eltern, die, vom Krieg und den Entbehrungen traumatisiert, ihre Töchter vor allem gut verheiratet wissen möchten und eine Gesellschaft, die es Frauen bis Mitte der 70er-Jahre verbietet, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen. Keine 50 Jahre ist es her.

Romanheldin Dora übt Rache an der patriarchalischen Gesellschaft

Im Buch rächt sich die 17-jährige Dora auf ihre eigene Weise an der patriarchalischen Gesellschaft ihrer Zeit. „Auch das ist in Teilen authentisch“, sagt Elfi Conrad. Im Rückblick schämt sich die gereifte Erzählerin für das, was sie ihrem Opfer angetan hat. Rachegelüste trieben einst auch die Autorin um. „Aber ich habe es nicht durchgezogen.“

Dass sie Teil jener Bewegung war, die den Frauen von heute in vielerlei Hinsicht den Weg bereitet hat, ist für Elfi Conrad keine Heldentat, mit der sie sich brüstet. „Wir haben auch viele Fehler gemacht“, urteilt sie selbstkritisch. Den Kampf für mehr Gleichberechtigung hat sie selbst als mühselig und manchmal einsam empfunden. „In den 70ern habe ich immerzu von Emanzipation gesprochen. Die Leute haben mich oft angeschaut, als sei ich nicht ganz normal.“

Elfi Conrad ist eine Feministin ohne Kampfanzug. Ihr Roman ist eine Botschaft, aber keine Mission. Ihre eigene Tochter ist Mitte 50, die Enkelin 14. Beide sind ein guter Gradmesser dafür, wie weit die Sache von damals gekommen ist. Es bleibe noch einiges zu tun, findet die Autorin. Ihr Rat an junge Frauen von heute? Elfi Conrad überlegt kurz, dann lächelt sie verschmitzt. „Geht im Winter nicht mit Nylons und Stöckelschuhen auf die Straße und helft einander.“